Räumliche Disorientierung

 

Räumliche Disorientierung (spatial disorientation = sd) liegt dann vor, wenn die Sinneseindrücke über die Lage/Bewegung im Raum nicht der wirklichen Lage und Bewegung im Raum entsprechen, aber als real interpretiert werden. Es handelt sich um eine Sinnestäuschung der Raumwahrnehmung, für die jeder Flugzeugführer anfällig ist und die lebensbedrohlich werden kann; bei einigen Flugunfällen wird sd als Haupursache angenommen.


Wie kommt es zur sd?
Die Lageorientierung im (dreidimensionalen) Raum wir durch drei Organe ermöglicht:

  • Augen
  • Vestibularorgan im Innenohr
  • Oberflächen- und Tiefensensibilität (Muskel- Druck-, Tastsinn)


Das übergeordnete Organ zu räumlichen Orientierung ist das Auge; es korrigiert die Fehlmeldungen der beiden anderen Sinneseindrücke. Fällt die korrigierende Funktion der Augen aus (Flug in den Wolken, Blendung, Nachtflug), können falsche Sinneseindrücke aus den Vestibularapparat und der Oberflächen- und Tiefensensibilität eine falsche Lage im Raum oder eine falsche Bewegung suggerieren, die den Flugzeugführer zu falschen Flugmanövern und damit zum Absturz verleiten.

In diesen Situationen helfen nur Instrumente, welche die reale Lage des Flugzeugs im Raum anzeigen. Der Pilot muß also lernen, den Fluginstrumenten zu trauen und nicht seinem Gefühl.


Es gibt eine ganze Reihe typischer Sinnestäuschungen, die im Folgenden erläutert werden. Alle diese Effekte treten nur auf, wenn kein Sichtkontakt nach Außen besteht.

Scheindrehung.
Die Illusion der Scheindrehung tritt auf, wenn eine längere Zeit konstant geflogene Kurve (Reizung der Bogengänge im Innenkommt kommt zum Stillstand = Gefühl des Geradeausflugs) plötzlich beendet wird (Reizung der Bogengänge in der Gegenrichtung = Gefühl des Kurvens in Gegenrichtung). Der Flugzeugführer hat dann das Gefühl, in die Gegenrichtung zu kreisen.


Friedhofspirale (graveyard spin).
Eine gleichmäßige Trudelbewegung über längere Zeit (30 sek.) führt zum Stillstand der Flüssigkeitsbewegung in den Bogengängen; der Flugzeugführer hat das Gefühl des Geradeausflugs. Er unternimmt nichts und würde abstürzen, wenn er keine sicht nach außen hat oder keine Instrumente beachtet.

 

Coriolis Illusion.
Diese Gefühl tritt auf, wenn in einer längere zeit koordiniert geflogenen Kurve der Kopf seitlich nach oben oder unten gegen die Drehrichtung des Flugzeugs gewendet wird. Es weden dann alle Bogengänge des Vestibularapparates gleichzeitig gereizt, wodurch es zu der Illusion einer Rollbewegung verbunden mit starkem Steigen oder Fallen kommt, was natürlich nicht der Fall ist.

Fluglagekorrekturen dürfen dann nur nach den Fluginstrumenten vorgenommen werden. Vorbeugend sollten abrupte Kopfbewegungen bei Kurvenflügen vermieden werden.

 

Illusion des Steigens oder Sinkens.
Bei positiver Linearbeschleunigung des Flugzeugs (besonders im Startvorgang) kommt es zu einer Reizung der Otholithenmembran mit dem Gefühl, als sei der Kopf nach hinten geneigt. Der Flugzeugführer interpretiert das als Steigen und würde, bei fehlender Kontrolle durch Sicht nach außen oder Mißachtung der Fluginstrumente das Flugzeug nach unten steuern. In Bodennähe, etwa beim Durchstartverfahren, würde das Flugzeug somit in den Boden gesteuert. Der umgekehrte Effekt tritt ein bei negativer Beschleunigung (Gefühl des Sinkens mit der Gefahr des Überziehens).


Umgekehrt nutzt man in Flugsimulatoren diesen Effekt, um durch kippen der Kabine nach vorne den Eindruck des Bremsens und durch kippen der Kabine nach hinten den Eindruck der Beschleunigung zu erzeugen.

Fahrstuhl-Effekt.
Er tritt bevorzugt auf bei Flügen in Aufwindgebieten. Durch eine lineare Beschleunigung werden die Otholithen stimuliert, wodurch es zu einer reflexartigen Augenbewegung nach unten kommt. Der Flugzeugführer hat fälschlicherweise das Gefühl, als würde sich die Flugzeugnase nach oben bewegen und reagiert bei fehlender Sicht nach außen und Mißachtung der Instrumente mit einer Steuerbewegung nach unten.